Aber ...                               wie hat alles für "unsere Linie" angefangen?
 

Das Ende von unserem Gut Zerxten und vom "Gottesländchen" Kurland kennen wir nun durch "Mine von Kleist".

Wo kamen meine Vorfahren her? Warum kauften sie Zerxten? Wie kamen sie nach Kurland?

Auch diese Geschichte will erzählt werden.          

links auf dem Bild ist Georg Christopher zu sehen . Er ist die 3. Generation *1729 +1800

Vorwort
 

Ich erzähle unserer Geschichte in Gestalt meines Ur-Ur-Ur-Ur Großvaters.                                                                                                         Um das damalige Leben genauer beschreiben zu können, gestalte ich die realen Personen und deren Handlungen, fiktiv.           Meine Charaktere entsprechen nicht dem tatsächlichen Charakter und ihrem Aussehen.                                                                               Das Wissen und die Fakten aus dieser Zeit erhalte ich von unserem Familienverband https://www.v-kleist.com und aus der Lettischen Zeitschriftensammlung  "Periodika LV".                                                                          

 

 

Christian Ewald *1630 +1708

vom Berliner Edelknaben zum kurländischen Oberhofmarschall

Peter Adam von Kleists (a. d. H. Dolgen/Dogie und Klingbeck/ Radanysil( i. d. Nähe von Szczecinek - Neustettin, ehm. Preußen) vierter Sohn, wurde am 16. Dezember 1630, um 7 Uhr morgens, geboren.                                                                                                    (Peter Adams Vater, der Amtshauptmann Jakob von Kleist war es, der den Lehnbrief über das Dorf Zamborst / Samborsko, Gmina, 1583 vom pommerschen Herzog Phillip erhielt, um es fertigzustellen. Anfang 1500 stand dort noch ein Eichenwald. Er wurde vom fürstlichen Jägermeister abgerodet und der Flecken glich einer wüsten Feldmark. Es sollte dort ein Dorf errichtete werden, aber der fürstliche Jägermeister, sah sich mit dieser Aufgabe überfordert und verkaufte dieses Land an Jakob. Dieser vollendete das Dorf und tauschte dieses Dorf an den Pommernherzog Phillipp II., der ihm dafür das Gut Dolgen/Dolgie abtrat.)

 

Der Winter war keine freundliche Zeit für Neugeborene und kleine Kinder, aber Christian Ewald war ein zäher kleiner Kerl und er überlebte seine Kindheit. Er wuchs heran und mit 13 Jahren (Kinder galten bereits mit 13 Jahren als erwachsen) wurde er zum brandenburgischen Hof geschickt, wo er ein Edelknabe der Schwester des großen Kurfürsten, der Prinzessin Luise Charlotte von Brandenburg, wurde. (Edelknabe= ein ritterbürtiger, erwachsener Adeliger, der noch nicht zum Ritter geschlagen worden war)                                               

Es  kam der 10. Oktober 1645. An diesem Tage vermählte  sich die Prinzessin mit dem Herzog Jacob von Kurland.                             Für  Christian Ewald war es klar. das er seinen Dienst bei der Prinzessin fortführte und mit ihr nach Kurland ging. So wurde er bereits in jungen Jahren  Kammerjunker und Stallmeister.                                                                                                                                       1672 trat er in den Militärdienst ein und zog mit den Truppen des Kurfürsten Brandenburgs gegen Frankreich. Die Franzosen hatten die frevelhafte Absicht, sich Holland einzuverleiben ( Der Holländische Krieg währte von 1674 bis 1679 ).                                 Die tapferen und mutigen Brandenburger vermochten (sie wurden vom deutschen Kaiser Leopold I. schimpflich in Stich gelassen) gegen die Franzosen nichts auszurichten, aber es gelang ihnen in Fehrbellin 1675 den grausamen Schweden,   die großes Interesse an den Ostseeraum hatten, eins auf die Mütze zu geben(Nordischer Krieg oder auch schwedisch-brandenburgischer Krieg 1674-1679) .                                                                                                                                                                                       In diesen Feldzügen avancierte er zum Oberst im Regiment.                                                                                                                                           Schließlich nahm er den Abschied und kehrte zurück in das Kurland. Zunächst trat er den Dienst am Hofe wieder an, verheiratete sich und wurde 1678 zum Obermarschall ernannt.                                                                                                                                   Seine Gemahlin verstarb, kinderlos, 1690.                                                                                                                                                                               Mit 60 Jahren zog er sich in seiner Trauer zurück, nahm den Abschied vom Hof und bezog das Gut Grünfeldt bei Mitau (Grünhof), dessen Pfandherr er wurde.                                                                                                                                                                                     1691 begriff er, dass er keine Erben hatte und ehelichte die 19-jährige Emerentia Freiin (Baroness) von Fircks.                                     Sie bekamen zusammen drei Kinder: zwei Mädchen und einen Buben.                                                                                                                 Dieser Bube (Friedrich Kasimir) war es, der, mit acht gesunden Kindern, die Linie weiterführte. Seine Söhne bildeten die Linie Susten Garwesen bei Libau und Leegen ( und damit Zerxten ).                                                                                                                                       1708 verstarb Christian Ewald 78-jährig. 

Seine Gattin und seine Tochter folgten ihm am 04. März 1710. Sie starben auf Grünhof an der Pest. 

Ostesseraumkartenausschnitt um 1700

Kapitel 1

Mein Name ist Ernst Johann von Kleist und ich versuche unsere Geschichte zu erzählen.

Mein Großvater Friedrich Kasimir von Kleist wurde am 27. Juli 1693 auf Grünhof/ Mitau geboren. Wir führten ein Leben auf Schlachtfeldern. Es schien, als ob es niemals wirklich Ruhe und Frieden gegeben hätte. Der Ostseeraum war ein sehr begehrtes Territorium und wir, der Adel, waren dem Kriegsdienst verpflichtet. Es war eine Ehre für uns, zu kämpfen. So war es seit Jahrhunderten und wir kannten es nicht anders. Natürlich, die ewige Reiterei ging irgendwann an die Knochen. Viele von uns bekamen mit dem Alter Rheuma, Gicht und Arthritis und das Reiten wurde zur Qual.

Ich erlebte die Zeit, als Kurland ein selbständiges Herzogtum, unter polnischer Oberlehnsherrlichkeit, war. Das Herzogtum Kurland und Semgallen existierte von 1561 bis 1795 und unterstand der Oberherrschaft oder auch Lehnsherrschaft Polens. Unter Herzog Kettler (1642-1682) erlebte Kurland seine Blütezeit. Handelsbeziehungen nach England, Frankreich, Portugal und anderen Ländern wurden angestrebt. Sogar der Aufbau von Kolonien in Tobago und am Gambia Fluss / James Island wurden versucht.

1655 fiel die schwedische Armee in das reiche Kurland ein. Die Kolonien fielen an die Niederlande und England. Die Wirtschaftskraft wurde, durch die Zerstörung der Handelsflotte, zunichte gemacht. Im Nordischen Krieg von 1674 bis 1679 fiel die schwedische Armee, unter anderem, wieder in Kurland ein, um von dort Ostpreußen anzugreifen.                                               Auch Brandenburg-Preußen und Dänemark kämpften gegen die Schweden und zeitgleich verlief der Hölländische Krieg. Es wurde nicht langweilig, es gab eine Menge zu kämpfen.

Im großen nordischen Krieg, von 1700 bis 1721, ging es wieder einmal um die Vorherrschaft im Ostseeraum. Schweden kämpfte gegen die Dreier Allianz Rußland/ Sachsen Polen und Dänemark Norwegen. Russlands Aufstieg zur Großmacht und Schwedens Abstieg sollte besiegelt werden.

Dänemark stellte sich an die Seite von Russland und Sachsen-Polen, weil es ihnen darum ging, den schwedischen Einfluss auf die Festlandsküste von Vorpommern bis nach Finnland zu beenden. Der dänische König Friedrich IV. wollte aber auch nebenbei die Gottorfer Frage geklärt wissen. Während die Schweden geschwächt waren und der Kaiser im Süden beschäftigt war, besetzte er die Gottorfer Anteile. Gottorf in Schleswig-Holstein galt zwar offiziell neutral, unterstützte jedoch insgeheim das Königreich Schweden, indem es seine Festung Tönning zur Verfügung stellte. Der dänische König hatte sich auf den holsteinischen Kriegsschauplatz begeben und begab sich nach Abbruch der Belagerung von Tönning in die Festung Rendsburg. 18000 Mann hatten sich in Seedorf in Stellung gebracht, Die Dänen brachten ihre Armee nach Negernbötel (Hamdorf) in Stellung. Bei Bad Segeberg kam es zum Gefecht, wobei Dänemark verlor. Nach den Friedensverhandlungen (bei Bad Segeberg) erhielt der Gottorper Herzog seine Gebiete zurück (1700). Nachdem Schweden dem feindlichen Bündnis von Dänemark und Russland unterlegen war, wurden die schleswigschen Besitztümer des Herzogtums 1713 daher von der dänischen Krone besetzt. 1721 erfolgte auf Schloss Gottorf die Huldigung des dänischen Königs durch den Ritterstand Schleswigs. Die herzogliche Familie regierte fortan als Haus Holstein-Gottorf nur noch in den in Holstein liegenden Anteilen des Herzogtums und verlagerte die Residenz ins Kieler Schloss.

1728 wurde der zukünftige Zar Russlands in Kiel geboren. Aus Karl Peter Ulrich von Schleswig-Holstein wurde Zar Peter III. und der Ehemann von Katharina der Großen. Katharina wurde als Prinzessin Sophie Auguste Friederike am 02.05.1729 im damals preußischen Stettin als erste Tochter des Fürsten Christian August von Anhalt-Herbst-Dornburg und dessen Gattin Johanna Elisabeth, geborene Prinzessin von Holstein-Gottorp geboren.

Beide waren zu diesem Zeitpunkt noch Kinder und als geborene Deutsche von Zarin Elisabeth I., einer Tochter Peter des Großen, nach Russland geholt worden, um den Fortbestand der Romanow-Dynastie zu sichern, denn Elisabeth war kinderlos.

 

Ganz nebenbei wütete die "Große Pest" von 1708 bis 1714. 1710 traf sie Kurland in aller Härte.                                                                 1714 folgte eine schreckliche Dürreperiode, 1716 eine erbarmungslose Kältewelle. Es starben 2/3 der Bevölkerung in Kurland. Die Wirtschaft brach zusammen. Es gab damals kein Kreditsystem, viele Güter gingen in den Konkurs.                                                     Und hier kam mein Grossvater Friedrich Casimir zum Zuge: 

Reich und vermögend wurden wir nicht nur durch den Kriegsdienst. Auch schlaues, kaufmännisches Denken und geschickt getroffene Eheschließungen, halfen durchaus, das Reichtum zu vermehren.                                                                                                  Man nannte es auch eine „glücklich getroffene Mariage“, wenn einem dieses gelang.                                                                             Meinem Grossvater Friedrich Casimir gelang dieses vortrefflich. Aber er war auch gescheit. Er nutzte die Konkurslage der Güter Kerklingen und Dobelsberg. Diese Güter konnte er sehr preiswert aus dem Konkurs heraus erwerben. Als passend gestaltete sich zudem die günstige Abtretung der Güter der Großmutter seiner Gemahlin. Für nur 36.000 Fl. Alb. (Fl= Floren, Alb.=Album, weiß, also silberne Floren. Es gab auch minderwertige Floren die dunkler waren, weil der Silberanteil fast nicht vorhanden war) erhielt er am 24.Juni 1734 die Güter Susten und Kreutzburg. Dazu kaufte er das Land Leegen/ Apschen und erbaute das Herrenhaus Leegen auf diesem Land.

Am 24. Juni 1755 fing unser Grossvater, der am 5. September 1762 verstarb, an, seinen Nachlass zu regeln und übergab Vaters Bruder Christian Ewald, die Güter Kerklingen und Dobelsberg (für den Antrittspreis von 33,000 Fl. Alb). Mein Onkel Ernst Nikolaus erhielt Susten und Kreutzburg zum Antrittspreis von 45,000 Fl. Alb. .

Am 27. April 1756 erhielt schließlich mein Vater Leegen und Apschen (für den Antrittspreis von 25,000 Fl. Alb. Es war nicht unüblich, dass, diese „Söhne“ einen kleinen Anteil dazu zu leisten hatten. Der Vater musste schließlich alle Kinder ausstatten und die Söhne erhielten dafür einen wertvollen Besitz).

Der jüngste Sohn und die drei Schwestern wurden mit barem Geld abgefunden.                                                                                                 So wurde das Herrenhaus Leegen / Apschen das Zuhause meiner vier Geschwister und mir.

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Der siebenjährige Krieg (1756-1763) war zu Ende. Sachsen, Österreich, Frankreich, Russland und Preußen stritten um die Machtposition in Mitteleuropa und beendeten den europäischen Weltkrieg mit einem Friedensvertrag.

Ich war zu klein, natürlich, und konnte die Tränen meiner Mutter und die Trauer meines Vaters nicht verstehen, als sie im Mai 1764 Post von lieben Verwandten aus dem Deutschen Reich erhielten. Der Brief enthielt die traurige Nachricht über den elendigen Tod eines Cousins, der diesem Krieg zum Opfer fiel. Er kämpfte, wie viele von „UNS“ als französischer Captain für Ludwig des XV. Bei einer Schlacht geriet er in Bedrängnis und stürzte mit seinem Pferd. Mit dem Degen kämpfte er mutig weiter, bis ihn ein Artilleriegeschoss mit Schrotladung (Kartätsche mit Kugeln, früher wurden die Kartätschen mit Nägeln, Blei oder Eisen bestückt) sein Bein zerschmetterte. Er wurde gefunden und zum Feldscher gebracht (Mlillitärarzt). Dieser säuberte gerade mit Spiritus seine Wunden, als er selbst Opfer einer Kugel wurde. So blieb er unversorgt liegen. In der Nacht kamen Kosakenbanden, die alle Körper auf dem Schlachtfeld nach Wertvollem und Brauchbarem durchsuchten. Auch er wurde ausgeplündert. Anstatt ihn gnadenvoll zu töten, warfen sie ihn in den naheliegenden Sumpf, wo ihn am nächsten Tag ein deutscher Offizier tot auffand. 

Zutiefst betrübt beteten sie für sein Seelenheil. WIR waren erfüllt vom lebendigen Glauben und hielten UNS treu an Luthers Bekenntnis. Diese Liebe zu unserem Gott erfüllte UNS stets mit großer Liebe zu unserer Familie.

 

Katharina die II. brachte am 1. Oktober 1754 einen Sohn, Paul, zur Welt. 1762 übernahm sie die Macht und schob, unter anderem, die Themen „Leibeigenschaft und die Rechte der Bauern“ an. Das lasterhafte Despotums des Adels, die Prügelstrafe und die elende Unterdrückung der Leibeigenen sollten abgeschafft werden. Womit sie sicherlich recht hatte. Aber durfte man alle über einen Kamm zu scheren?                                                                                                                                                                                         Da Katharina  1796 verstarb, erlebte sie die Abschaffung der Leibeigenschaft 1819 nicht mehr, aber sie konnte sich sicher sein, Einiges auf den Weg gebracht zu haben.

Das, durch Kriege stark geschwächte Polen, geriet 1768 unter die Vorherrschaft Russlands und wurde dreimal geteilt. Bei der dritten Teilung 1795 wurde unser Herzogtum vom russischen Reich annektiert.

1789 brach die Französische Revolution aus, die Napoleonischen Kriege dauerten von 1800 bis 1814. Der französische König Louis XVII., floh ins Mitauer Schloss, wo er mehrere Jahre lebte. 1820 brach eine schwere Agrarkrise in Deutschland und Kurland aus, da Napoleon von Berlin aus eine Kontinentalsperre errichtete. Großbritannien wurde ausgesperrt. Englische Waren durften nicht mehr eingeführt werden. Für uns natürlich eine Katastrophe, denn nun mussten wir schauen, wo wir z.B. Saaten und Kohle herbekamen. Auch Russland traf es hart und es musste seine Beziehungen zu Frankreich neu überdenken. Russland wurde gezwungen, seinen Russlandfeldzug 1812 zu beenden, da Russland kein Holz und andere Importgüter aus England mehr einführen konnte.  Französische Zollbeamte  (von Rhein bis Holland, von Cuxhaven, Bremen, Weser bis Travemünde, Herzogtum Mecklenburg und Schwedisch-Pommern) kontrollierten sie sämtliche Wagen. Aber die britische Export- und Importsperre sorgte auch dafür, dass "unsere" Industrialisierung, vor allem in der Woll- und Tuchindustrie, enorm voranschritt. Da es keine englischen Produkte mehr gab, mussten deutsche Waren gekauft werden.                                                          Das, durch Kriege stark geschwächte Polen, geriet 1768 unter die Vorherrschaft Russlands und wurde dreimal geteilt. Bei der dritten Teilung 1795 wurde unser Herzogtum vom russischen Reich annektiert, da die Zerwürfnisse zwischen dem Adel und dem Bauern(Bürger-)stand zu groß waren. Der kurländische Herzog Peter erhielt eine Pension und von nun an hatte er kurländische Landtag das sagen.

WIR mussten uns Russland unterwerfen.                                                                                                                                                                               Für uns änderte sich Einiges. Unsere Privilegien wurden aufgehoben. Die deutsche Sprache war nicht erwünscht, deutsche Schulen wurden zeitweise geschlossen. Man tat sehr gut daran russisch zu lernen. Auch die lettische Sprache wurde für uns Kurländer zunehmend wichtiger.                                                                                                                                                                                               Der julianische Kalender wurde eingeführt. Wir bekamen russische Namen und unsere Söhne wurden dem russischen Kriegsdienst einverleibt. Sobald sie alt genug waren, wurden sie St.Petersburg in die Kadettenschule gebracht.                             Selbst heute, im Zeitalter meiner Ur-Ur-Ur-Ur-Urenkel im Jahre 2023, gibt es in Russland heute noch für Knaben ab der 5. Klasse bis zum Abitur, als Vorbereitung für eine künftige militärische Karriere, Kadettenschulen. Gewiss, die Zeiten haben sich geändert und der Ton ist hoffentlich nicht mehr so unmenschlich brutal in den Kadettenschulen, wie es zu unserer Zeit üblich war. Dennoch, glaube ich, kann man diese Militärische Ausbildung wohl nicht mit der z.B. deutschen Ausbildung 2023 vergleichen.

Friedrich Wilhelm I. veranlasste in Preußen 1717 eine Schulreform, in Kurland warteten die Bauern und Bürgerlichen etwas länger darauf.                                                                                                                                                                                                                                   Für die adeligen Kinder war die Bildung kein Problem. Ihre Privilegien machten es ihnen möglich, Wissen zu erhalten. Die älteste Schule in Riga und sogar im Baltikum, war eine Domschule aus dem 13. Jahrhundert.                                                                      Für die lettischen Bauernkinder war es erst  im 19. Jahrhundert so weit.                                                                                                                 Nach der Russifizierung und nach Katharina II. wurden die Gutsherren  verpflichtet eine Schule für die Kinder seiner „Pächter“ zu bauen und einen Lehrer einzustellen.

 

Kapitel 2

Ich erblickte am 12. März 1764, als zweitgeborener Sohn und viertes Kind von Freiherr Georg Christopher, Herr auf Leegen *24.12.1729 +21.10.1800 und dessen Gemahlin Dorothea Emerentia von Kleist (geborene von Manteuffel gen. Szoege aus dem Hause Platon, *18.Dezember 1729 +1798 in Mitau), das Licht der Welt. Der "alte Fritz" regierte in Preußen und schaffte die Folter ab.                                         Gottfried Lessing war bereits am 22.1.1729 geboren worden, Goethe am 28.08.1749 und Friedrich Schiller am 10. November 1759. Diese drei sollten mit ihren Werken die Welt bereichern und bei uns für Kurzweil sorgen. 

Unsere Damen saugten die Werke dieser Herren förmlich auf und gerieten auf geistige und romantische Wanderschaften.   Aber auch wir Herren fanden Gefallen an der Romantischen Empfindlichkeit. Unsere Liebe zur Natur erwuchs in Gedichten und Versen. Wir philosophierten und sehnten uns nach Geheimnisvollem. Goethes Roman “die Leiden des jungen Werther“ gelang auf der Leipziger Buchmesse 1774 auf die vorderen Plätze und wurde ein großer Erfolg. Die wissenschaftlichen Erkenntnisse, die die Industrialisierung nach vorn brachte, überforderte uns fast. Die Städte produzierten Lärm und Dreck und dem politischen Wirrwarr konnten wir nicht mehr folgen.                                                                                                                                                      In dieser emotionalen Welt der Frühromantik heiratete mein Bruder, in dem Jahr, als ich in Mitau mein Abitur abschloss.

Mein Bruder Friedrich Christoph *23.12.1757 +31.12.1815, war das Paradebeispiel der Frühromantik.                                                     Er bewunderte, wie ich, den Denker Immanuel Kant und auch in unserer Frömmigkeit standen wir uns in nichts nach. Allerdings, was uns unterschied, war unser Empfinden von Gefühlen. Der Mode entsprechend, geriet Friedrich sehr oft in Schwärmereien, die in einem regelrechten Überschwang an Gefühlen ausartete. Was mich zumeist sehr nervös machte.       Auch seine Nächstenliebe war sehr ausgeprägt, die weit über Freundschaft und Geschwisterliebe hinausging. Eine Tatsache, die ich ebenfalls als sehr störend empfand. Ich war zu ungeduldig für dieses intensive Empfinden und Erleben von den Emotionen dieser Welt.

Er fand sein Pendant und eine glücklich Mariage dazu. 1783 nahm er Gräfin Maria Theresia von Keyserlingk zu seiner Ehegemahlin. Diese Verbindung machte ihn zum Herrn von Talsen und Neu-Plathon. Gegenseitig trugen sie sich dort Gedichte vor.                                                                                                                                                                                                                                           Allerdings, und das war eigentlich schwer zu glauben: in zwei Punkten überragte sie ihn und machte es mir noch schwerer, die beiden oft zu besuchen. Sie besaß eine ungeheure Sensibilität für seelische Vorgänge. Ich wusste, ich war ein arges Raubein und schwamm allein auf weiter Flur gegen einen großen Strom, aber ich konnte nicht gegen meine Natur.

Drei Jahre später sollte ich mein Denken und Handeln streng überdenken.                                                                                                             Es traf mich wie ein Blitz: Ich verliebte mich!

In Mitau, als ich das städtische Vergnügen mit Freunden in unserem Stadthaus genoss, wurde mir unter anderem Caroline vorgestellt.                                                                                                                                                                                                                                             Die älteren Generationen des Adels lebten meist in den Stadthäusern der jeweiligen Familien und bildeten die Zentrale des Heiratsmarktes. Sie wussten genau, wer wie alt war. Verbindungen wurden hier gezielt geplant, denn es ging um die Geld- und Güterfrage.                                                                                                                                                                                                                                   Wenn das entsprechende Alter erreicht war, verfrachteten die Eltern die Heranwachsenden in die Kutsche und nahmen Kurs auf Mitau. Selten waren die Frauen noch Mädchen von 14 Jahren, oft waren sie junge Frauen von 17 bis 21 Jahren, manchmal älter, je nachdem wie dringend ihre Eltern Geld brauchten.                                                                                                                                             Die kurländische Gastlichkeit war berühmt für ihre offenen Türen. Täglich strömten die jungen und alten Grafen, Gräfinnen, Barone und Baronessen in die Häuser .Klirrende Gläser, Klaviermusik und Geigenspiel begleitete das Plaudern. Man tauschte sich aus, lernte sich kennen und verabredete sich. Aber es wurde auch gehetzt und gelogen, dass sich die Balken bogen. Neid und Eifersucht konnten einem das Leben schwer machen. Männer riefen zum Duell, Frauen schwiegen verbissen und versuchten, die Contenance zu wahren. So waren sie erzogen worden.

Auch meine Caroline.

Ihre Erziehung war äußerst streng. Die Arme, man mochte es kaum glauben, kam die ersten 12 Jahre ihres Lebens nicht aus dem Haus. Vormittags hatte sie an der Seite ihrer Mutter zu stehen, egal ob diese stickte oder sich in Gesprächen befand. Stoisch stand sie mitunter stundenlang auf der gleichen Stelle und durfte keine Miene verziehen. Tat sie es dennoch, gab es Schläge mit der Rute. Ab dem achten Lebensjahr musste sie nachmittags Französisch schreiben und lesen lernen. Erst ab dem zwölften Jahr kamen der Klaviermeister, der Tanzmeister, der Lehrer für ein wenig Schreiben und Rechnen und recht viel Religion hinzu. So wurde sie brav vorbereitet auf das Leben einer guten Landfrau. Ihre Mutter aber übertrieb es, denn Liebe und Verständnis gab es für meine Caroline nicht.                                                                                                                                                         Trotzdem oder gerade deshalb wuchs sie zu einer anmutigen, schönen, vornehm-blassen, schlanken - gar grazilen und sehr schüchternen Frau heran, die ohne ihr Wissen viele Verehrer hatte. Der Schöne von Rönne, der große Stattliche von Behr und der feurige Klopmann spielten sich auf, wenn Caroline den Raum betrat. Ich sah für mich wenig Chancen. Ich war ein wenig ungelenk, schüchtern und wirkte eher derb. Umso mehr überraschte es mich, als ich eines Tages Blicke von ihr auffangen durfte. Es waren Blicke voller Sehnsucht und Neugierde, die mir den nötigen Mut gaben, um sie zu werben.

Ehe ich mich versah, saß ich an meinem Schreibtisch und verfasste Liebesgedichte.

                                                  

Mein Bruder Friedrich Christioph                                                    Herr auf Talsen und Neu Plathon, Majoratsherr von Leegen und Apsen 1757-1815 

Mit 22 Jahren ehelichte ich, 1786, die wundervolle 20-jährige Bengina Caroline von Fircks.                                                                  Diese Ehe war durchaus eine glückliche Mariage und wie es üblich war, wurde ein Ehekontrakt geschlossen.                                  Die Leibzuchtsfragen (Leibding, Aussteuer der Braut) wurde unter anderem hier festgehalten. Auch lebenslangen Nutzungsrechte über Ländereien konnten der Frau in diesem Vertrag zugestanden werden. Aber auch die Folgen von Treulosigkeit seitens der Braut wurden gerne festgehalten .

Von meinem Vater erhielt ich am 25. Juni 1787 die Güter Mescheneken und Carlshof als Fideikommiss (Das Fideikommiss war ein Rechtsinstitut, mit dem gewährleistet wurde, dass die Vermögensmasse einer Familie geschlossen und unveräußerlich „in deren Hand“ blieb). Mir wurde gestattet, diese Güter zurückgeben zu können, wenn ich mich in Stande sähe, ein größeres, wichtigeres Gut erwerben zu können.

1788 nahm ich das Amt  des Arrendators (Verwalter, Inspector) auf dem Gut Degahlen an. Das war sehr passend, da meine Gattin sich in Umständen befand. Am 28. Juli 1788 erblickte unsere Johanna Dorothea Anna Emerentia von Kleist, auf Degahlen, das Licht der Welt.

1789 wurde mir das 2760 ha große Gut Zerxten-Aspurn, Sallen und Marienhof zum Kauf angeboten.                                                     Meine Verpflichtungen auf Degahlen ließen es zu, Zerxten 1789 aufzusuchen, damit ich mir ein Bild machen konnte. Selbstverständlich war meine Caroline, die sich zu diesem Zeitpunkt sich wieder in Umständen befand, an meiner Seite. Die Fahrt wurde für meine Gattin sehr beschwerlich, da ihr Leibesumfang einer Wassertonne entsprach. Unsere kleine Johanna befand sich zum Glück mit ihrer Kindfrau in der zweiten Equipage hinter uns. Ihr lautstarkes Gegreine zerrte so schon an meinem Gemüt, dass ich wunderbare Natur nicht genießen konnte.                                                                                                                   Drei Stunden später waren wir schließlich da. Johanna war endlich eingeschlafen und ich schloss glückselig für einen Moment die Augen, um die Stille genießen zu können.  

Ich stieg als erster aus und versuchte formvollendet Caroline aus der Kutsche zu helfen. Mithilfe ihrer Dienstmagd und einem Diener gelang es einigermaßen, das wallende Kleid, den Reifrock und meine Caroline aus der Kutsche zu helfen.                               Ich erschrak, als ich ihr Gesicht erblickte.  Ihr Antlitz war leichenblass, ihre Gesichtszüge wirkten seltsam verzerrt.                           Sie senkte ihren Kopf und sank zu Boden.                                                                                                                                                                              Das Empfangskomitee, welches aus den Hofesleuten von Zerxten und dem jetzigen Eigentümer Baron Hahn bestand, erfasste die Situation rasch. Ein Junge lief sofort zum Dorf hinunter, um den Arzt und die Hebamme zu holen.

Während ich am 23. Juli zum zweiten Male Vater wurde, brach die Französische Revolution in aller Gänze aus. Am 14. Juli erfolgte der Sturm auf die Bastille, am 20. Juli folgten die Bauernaufstände. Am 6. Oktober wurde Versailles gestürmt.

 

                                                                                                                                  Kapitel 3 

                                                                                                                                      Zerxten

Ich stellte zu meiner Freude fest, dass das Gutshaus Zerxten vor Jahren erneuert wurde. Dafür, dass Zerxten im 15. Jahrhundert erbaut wurde, befand es sich auf dem neuesten Stand der aktuellen Mode. 

Fünf Mantelschornsteine versprachen immer warmes Essen und die Terrasse ermöglichte einen idyllischen Blick auf den kleinen, aber sehr kunstvoll angelegten Barockgarten. Weil das Gutshaus auf einem hohen Punkt lag, hatte man, besonders von der Terrasse aus, einen weiten Blick. Zu Füssen des Gartens lagen die Apfelhöfe. Ein Flüsschen schlängelte sich durch die Natur und ermöglichte so den Betrieb einer Wassermühle. Ein Gespräch mit dem Baron Hahn zeigte mir auf, dass das Gut aus über 30 Gesinde (Häuser) bestand. Zudem gab es ein Strandgesinde (Fischerei, mit einem kleinen Gut). Es war sehr viel Nutzwald vorhanden, es gab eine eigene Mahl-, Wasser- und Sägemühle. Am “Sille Gesinde”, welches sich am Meeresstrand befand, hatten man eine große Meilerei /Köhlerei) errichtet, um den abgebauten Kalkstein brennen zu können. So konnte Zerxten, gelöschten Kalk von guter Qualität verkaufen. Auch stellte Zerxten eigene Dachziegel her. Die Seen erlaubten im Winter immer eine reiche Karpfenernte.                                                                                                                                                                               Zu dem Gut gehörte ein eigenes Erbbegräbnis im Wald und eine Kapelle am Gutshaus. Und dieses war für unseren starken Glauben unerlässlich und damit selbstverständlich.                                                                                                                                                           Daher entschloss ich mich 1792, Vater die Güter zurückzugeben, um Zerxten für 190 000 Florin Album erwerben zu können.

Zerxten wurde unser Daheim.                                                                                                                                                                                                         Meine treue Gattin hatte mir einen Erben geschenkt, unsere kleine Tochter war gesund und munter und meine sehr geschätzte Caroline befand sich wieder in Umständen. 

Ich war der glücklichste Mann auf Gottes Erdboden und auf diesem zauberhaften Flecken.


 

Am 9. Oktober 1793  ehelichte der 15 jährige Alexander Pawlowitsch Romanow, die 14 jährige Louise von Baden. Er  sollte bereits mit 23 Jahren Kaiser von Rußland und König von Polen (1815-1825) werden, sowie erster russischer Großfürst von Finnland aus dem Hause Romanow Holstein-Gottorp und von 1801-1807 sowie 1813- 1818 Herr von Jever. (wikipedia)

Der Winter 1792/ 1793 zeichnete sich durch Brustkrankheiten vieler Menschen aus. Die Sterblichkeit war sehr hoch. Die Minusgrade erreichten 28 Grad. Wölfe wurden immer dreister und wagten sich sehr nah an die Menschen heran. Arme Menschen erfroren auf den Straßen.                         Auch unseren Jungen traf es. Mit fast vier Jahren erstarb seine rasselnde Atemluft im kalten Februar. 

 

Ich glaube, ich muss nicht beschreiben, wie sehr wir litten. Unsere Trauer war schwer zu ertragen                                                              Wieder hochschwanger, versuchte Caroline am Grabe, bei hohen Minusgraden, die Contenance zu wahren.                                       Ich befürchtete bereits das Schlimmste, als wir vom Hofe aus dem kleinen Sarg zu seiner letzten Ruhestätte folgten. Ich bot eine Kutsche an, aber sie wollte sich diesen letzten Gang nicht nehmen lassen. Wenigstens schneite es nicht.                                     Nur die eisige, unerbittliche Kälte begleitete uns und drang in unsere Herzen.

Als ich die dritte Schaufel Sand auf Peters Sarg rieseln ließ, wandte Caroline sich ab. Ihre Augen starr nach vorne gerichtet, ging sie Schritt für Schritt zum Gutshaus.                                                                                                                                                                            Im Hause angekommen, ließ sie sofort packen. Sie wollte fort. Einfach nur fort.                                                                                                   Ich verstand sie nur zu gut und unterstützte sie. Mir fielen Freunde auf dem Krongut Eckendorf ein. Sooft hatten sie Einladungen ausgesprochen, die wir nicht angenommen hatten. Caroline verstand sich ausgezeichnet mit ihnen. Unsere Tochter hatte dort eine gleichaltrige Gefährtin. Ein unangemeldeter Besuch würde bestimmt keine Unannehmlichkeiten hervorrufen, ganz gewiss nicht.

Am 04. März 1793 kam unser Wilhelm in Eckendorf auf die Welt.                                                                                                                           Wenn ich gehofft hatte, meine Familie nach Zerxten  holen zu können, so sah ich mich getäuscht. Caroline weigerte sich und nahm die Einladung ihrer Familie an, sie in Mitau zu besuchen. Ich respektierte ihre Entscheidung, sah ich auch die Vorteile: Meine Eltern lebten ebenfalls in Mitau und waren mittlerweile gebrechlich. Auch sie benötigten unsere Fürsorge. Caroline würde sich auch um sie kümmern können, dessen konnte ich mir sicher sein.                                                                                                       So pendelte ich über die schlechten Straßen von Mitau nach Degahlen und Zerxten hin und her.         

Ein Jahr später, fast auf den Tag genau, wurde am 19. März 1794 mein Sohn Carl Ludwig in Mitau geboren.                                         Caroline und ich mussten  nun eine Lösung finden. So ging es nicht weiter. Ich überlegte, eine Villa in Tuckum anzukaufen, um über die Wintermonate nicht im kalten Gut sitzen zu müssen. Das Schicksal unseres kleinen Peters durfte sich nicht wiederholen. Eine Stadtvilla war besser zu heizen, als ein großes Gutshaus. Und machten wir uns nichts vor: Auch die medizinische Versorgung war natürlich besser. Am Tuckumschen Marktplatz stand gerade ein prächtiges Gebäude zum Verkauf.                                                                                                                                                                                                                                              Ich teilte meine Gedanken mit Caroline. Sie zuckte aber nur mit den Schultern, als ich sie darauf ansprach.                                         Und so machte ich allein Nägel mit Köpfen.  Schlussendlich machten es alle so und Geld war genug da. Es war bestimmt die richtige Entscheidung.                                                                                                                                                                                                                       Die Villa war sehr geräumig.                                                                                                                                                                                                       Geschäftstüchtig überlegte ich , da wir mehr Platz als genug hatten , dass es sich rechnen würde, wenn im unteren Geschoss Geschäfte hineinkämen. Anfragen von einem Schneider, Schuster und Apotheker hatte ich bereits. Das würde die Kosten dezimieren und gut für das Gebäude sein, wenn es nicht das ganze Jahr über leer stünde. Caroline könnte es einrichten und wäre abgelenkt. Zufrieden mit mir, unterschrieb ich den Kaufkontrakt.

 

Ich war derart mit meinen Sorgen und Verpflichtungen beschäftigt, dass ich die politischen Wirrungen in Kurland nur halbherzig mit verfolgte. Ohnehin war uns allen bewusst, was kommen würde.                                                                                               Seit der allmächtige Günstling der Kaiserin Anna von Russland, Ernst Johann Biron, 1737 zum Herzog von Kurland erwählt wurde, war UNS klar, dass eine Vereinigung mit Russland nur eine Frage der Zeit sei.                                                                             Russland war hungrig. Eine russische Expansion in Südosteuropa wurde absehbar. Ein polnischer Bürgerkrieg 1772 spielte Russland in die Hände. Russland, Preußen und Österreich-Ungarn griffen ein - Polen verlor. Der Vertrag von Sankt Petersburg 1772, mit Polen - Litauen, beschloss die Teilung.                                                                                                                                                         Aber damit kehrte keine dauerhafte Ruhe in Polen ein. Im Zuge der Französischen Revolution kam es zu einer Reformbewegung in Polen. Russland drang in Polen ein, Preußen half Polen nicht und Polen verlor. Russland und Preußen teilten sich weite Teile Polens unter sich auf.                                                                                                                                                                           In Polen rumorte es weiterhin. Die Teilungen taten ihnen weh. Es folgte ein politischer Aufstand mit einem Diktator an der Spitze. Russland und Preußen kämpften gegen einen polnischen Diktator und seiner Anhänger. Polen verlor wieder. Am 3. Januar 1795  besiegelten Katharina II., der Habsburger Franz II. und Wilhelm II. von Preußen die Aufteilung Polens. 

Streitigkeiten zwischen Adel und Bürgerstand in Kurland führten dazu, dass der Landtag von Kurland durch Beschluss vom 18. März 1795 das Herzogtum dem Kaisertum Russland übertrug. Die Amtssprache war seit 1870 eh russisch. Wem nützte es, sich darüber noch zu wundern oder aufzuregen. Es kam, wie es kam. Mit ziemlicher Sicherheit würde nun das russische Steuersystem eingeführt werden. Das bedeutete eine Menge Mehrarbeit und Papierkram, denn es würden Revisionslisten (Steuerlisten) eingeführt werden. Davon war ich fest überzeugt.                                                                                                                                   Alle steuerpflichtigen Seelen (vom 14. bis zum 60. Lebensjahr) mussten mit Alter und Wohnort (Bauernstelle oder Pachtstelle, Gesinde), aufgeführt werden. Aber auch Kinder (bis zum 13. Lebensjahr), verwandtschaftliche Beziehungen und adlige Köpfe, die nicht steuerpflichtig waren, mussten aufgezeichnet werden.                                                                                                                                   Zu meinem Überdruss sah ich, als Verwalter von Degahlen und als Eigentümer von Zerxten,  eine Lawine auf mich zukommen.

Revisionslisten

Vor der Bauernordnung 1817 wurden die Leibeigenen gemäß ihrem Gesindes (ein Bauernhof des Gutes) festgehalten. Die Revisionslisten waren für die Berechnung der Kopfsteuer unerlässlich.

Die erste Revisionliste für Zerxten wurde 1798 / 1804  unter der Handwerker Familie Gotthard Legsding fertiggestellt.

Kapitel 4

 

Es war Mai 1795 und Caroline war endlich bereit, heimzukehren. Sie war wieder von Lebenslust erfüllt und freute sich wie ein kleines Kind auf die tuckumsche Villa und auf die nächste Zeit, die kommen sollte.                                                                                     Der Winter war fort, das uns heilige Osterfest vorbei. Die Natur räkelte sich in der wärmer werdenden Luft, die Zugvögel bauten eifrig ihre Nester. Die Straßen befanden sich in einem sehr passablen Zustand, zu unserem Glück  hatte es lange nicht geregnet.                                                                                                                                                                                                                                       

Bald war die Sommersonnenwende.  In der kürzesten Nacht, am 21. Juni, und dem ihr folgenden längsten Tag des Jahres gewann das Wasser heilende Kräfte, im Walde sprossen Glücksblumen und Heilpflanzen hervor. An diesem Tage schnitt man die zauberkräftigen Wünschelruten. Aus Eichenlaub und Blüten wurden von eifrigen Frauen Haarkränze geflochten.                       Sobald die Dunkelheit hereinbrach, flammten überall, auch in Europa, diese uraltheiligen Johannisfeuer auf.                           Soweit  die Feuer leuchteten, soweit der Rauch die Felder und Obstbäume durchzog, war eine gute Ernte sicher und Krankheit und Misswuchs ausgeschlossen.  In grauer Vorzeit  sind diese Feuer  bereits entfacht worden, um die Sommerluft von Drachen, Hexen und allerlei böse Geister zu reinigen. Diese waren für schlimme Seuchen bei Mensch und Tier schuld. Auch für verderbliche Wetter waren sie verantwortlich.                                                                                                                                                                       Alt und Jung, Hoch und Niedrig feierten das Johannisfest im günstigsten Fall gemeinsam. Es wurde geschmaust, Johanni-Kümmelkäse gegessen und natürlich viel Bier getrunken.                                                                                                                                               Caroline und ich hatten beschlossen, auf Zerxten all unseren Leuten ein schönes Fest zu ermöglichen. Bierfässer waren bereits unterwegs. Holz durften die Leute aus den Wäldern nehmen und sie bekamen allesamt drei Tage frei. Nur die wichtigsten Dinge sollten an diesen Tagen verrichtet werden, denn das Vieh musste schon was zu fressen bekommen.

Diese Nacht war tatsächlich mystisch.                                                                                                                                                                                     Im ganzen Land loderten helle Feuer, es wurde Musik gemacht und gesungen. Der Gesang der alten Volksweisen erklang in der Nachtluft. Alle tanzten um die Feuer, bis sie heruntergebrannt waren. Pärchen sprangen händchenhaltend über die rauchenden Gluthaufen, damit die magische Kraft der Johannisnacht sie reinigen konnte. Es wurde bis zum Sonnenaufgang gefeiert. Da der Morgentau ebenfalls magisch war, wuschen die Frauen ihr Gesicht damit, um noch schöner zu werden. Die Männer gingen barfuß durch das feuchte Gras, denn es hieß, dass sie dann immer Geld in der Jackentasche hätten.

Caroline glaubte an die Macht dieser Nacht.                                                                                                                                                                         Und tatsächlich, haben wir nicht bereits zwei stramme Jungs in diesen Nächten zeugen können, die den Winter überlebt hatten? Wer wusste es schon? Vielleicht gelang es diese Nacht noch einmal. Vielleicht hielten wir im folgenden März wieder ein gesundes Würmchen in unseren Armen.

                                                                                                                           ~           

Aber noch waren es ein paar Wochen hin bis zum Johannesfest.

Zunächst wurden die Sachen gepackt. Schwere Kisten und Truhen mussten zurück nach Zerxten.                                                        Ich registrierte, dass die Anzahl der Truhen und Kisten sich mindestens verdreifacht hatten. Napoleon und seine Josephine waren auf dem besten Wege, mich arm zu machen. Caroline hatte der neuesten französischen Empire-Mode nach, den neusten Putz entsprechend eingekauft: Sonnenschirme, ellbogenlange Handschuhe, Schals, Tücher, Handtäschchen, Seidenfächer mit Elfenbeinstäben, Mäntel, Samtschuhe, Lederpantoffeln und Überschuhe, Unterwäsche, Haarbänder und Hauben. Stoffe aus Leinen, Musselin, Baumwolle, Batist, Samt und Brüsseler Spitze für das selber Nähen und Reparieren der Kleidung waren genauso unabdingbar, wie die Morgen- und Nachmittagskleider für das Haus. Ein Reitkostüm, zwei Kleider für Kutschfahrten, zwei Promenadenkleider und Abendkleider, sowie ein See- und Badekleid wurden ebenfalls in den Kisten verstaut.                   Ich gebe zu, eine Kiste musste ich mein Eigen nennen, denn auch ich brauchte dringend neue Kleidung: Kniebundhosen, die nun weit bis über den Bauch rechten, diverse Tuchröcke mit hohem Kragen, die einem Frack ähnelten, schneeweiße Hemden und Halstücher hatte mein Schneider mir nähen müssen. Auch einen neuen Gehstock und zwei Zylinder waren mit im Gepäck. Aber wenigstens waren endlich und endgültig die Perücken fort. Napoleon verbannte diese fürchterlichen und lästigen Staubwedel aus dem Modekatalog.   

Wir verabschiedeten uns von unseren Familien.                                                                                                                                                                 Der Abschied von meiner Mutter fiel mir besonders schwer. Sie kränkelte bereits seit Jahren, aber nun verließ sie das Bett fast gar nicht mehr. Ich nahm mir fest vor, eiligst mit meinem Bruder zusprechen. Wir mussten Vater unterstützen. Vor Sorge um sie wirkte er bereits sehr ausgezehrt. Er aß und trank zu wenig. Seine Liebe zu ihr, rührte mich und bewies mir wieder einmal, dass Vernunftehen nicht die schlechtesten waren.

Die Sonne schien und es war seit Tagen trocken.                                                                                                                                                             Wir nahmen die gut zu chauffierende Poststraße mit ihren geringen Steigungen. Erst hinter Tuckum wurden die Auf– und Abstiege etwas steiler. Aber wir brauchten noch kein Vorgespann. Für leichte Wagen war die Stecke brauchbar. Schließlich durchquerten wir das Zerxtensche Waldgelände mit dichtem Unterholz. Die Vögel sangen lieblich, der blaue Himmel war wolkenlos. Diese Strecke besaß eine feste Sanddecke und unsere Equipagen rollten leicht über die kleinen Sandsteinchen. Ab und zu genoss ich einen Blick auf das neue modische Dekolleté meiner liebreizenden Gattin. Während sie unermüdlich den Sonnenschirm hochhielt, blitzte ihr Busenansatz appetitlich hervor. Der leichte gelbe Musselin Stoff stand ihr ausgezeichnet zu Gesicht, genauso wie die blonden Löckchen, die ihr Gesicht umrahmten. Es war faszinierend: Sie trug ellbogenlange Handschuhe, während ihr Dekolleté der frischen Luft ausgesetzt war. Aber mir sollte diese Mode recht sein. Lieber bedeckte Arme, als ein verstecktes Dekolleté, fand ich.                                                                                                                                                                         Zerxtens altehrwürdige Torpfeiler begrüßten uns endlich.                                                                                                                                           Die Kinder schliefen und öffneten erst ihre Augen, als wir die kleine Holzbrücke der Lacupe überquerten. Liebreizend schlängelte sie sich durch die Wiesen. Ihr Wasserstand war hoch und hinterließ in der Ferne zarte Schaumkronen.               Endlich durchquerten wir das kleine Dörfchen Zerxten.                                                                                                                                                     Fleißige Bauern, Knechte und Mägde, die ihre Arbeit verrichteten, grüßten uns von weiten zu.                                                             Nun war es nicht mehr weit bis zum Gutshaus. Glücklich, ohne dramatische Vorkommnisse, hatten wir unser Ziel erreicht!         Keine räuberischen Banden hatten unsere Wege gekreuzt. Die Pferde waren gesund und munter, die Kutschen waren heil. Carolines Augen funkelten in heller Freude. Sie drehte sich zu der hinteren Kutsche herum und lachte unseren Kindern und den Kindermädchen zu.                                                                                                                                                                                                               Das Glück schien wieder zurückgekehrt zu sein.

Flinke Bauernkinder waren bereits über die Wiesen und Obsthöfe hinauf zum Gutshaus gelaufen, um uns anzumelden.             Die Dienerschaft und die Hofesleute standen bereits aufgereiht zum Empfang.  Kaum waren wir aus unseren Kutschen gestiegen, luden emsig die Knechte die Kisten und Truhen aus, um sie ins Haus zu tragen. Unsere schon sieben Jahre alte Johanna Dorothea Anne Emerentia begrüßte brav mit uns unsere Leute. Da Wilhelm und Carl Ludwig arg quengelig waren und lärmten, brachten ihre Kindermädchen die beiden in ihre Kinderzimmer.                                                                                                                Leider konnte ich nicht lange bleiben. Zwei Tage später musste ich wieder aufbrechen. Das Gespräch mit meinem Bruder war eilig und Degahlen erwartete mich ebenfalls. Caroline würde, auch ohne mich, ihre Aufgabe erfüllen und eine gute Hausherrin werden. Dessen war ich mir sicher und in vier Wochen wollte ich zum Johannifest wieder zurück sein.                                     Caroline wusste meine Abwesenheit zu nutzen und kaum, dass ich mit meinem braunen Hengst aus ihrem Blickfeld verschwand, ließ sie anspannen und befand sich auf den Weg nach Tuckum.                                                                                                   Ihr Ziel war unsere Villa am Marktplatz. Erfreut konnte Caroline fesstellen, das alles wichtige bereits vorhanden war: ein Wagenhaus und Pferdestall, ein Obst und Küchengarten, Kellerräume sowie ein komfortabler Abtritt, der auch im Winter von eisiger Zugluft geschützt schien. Im Erdgeschoss war tatsächlich ausreichend Platz für vier bis fünf Budengeschäfte. Ohne lange zu überlegen, beauftragte sie Maurer, Tischler, Maler und Tapezierer mit dem Umbau des Erdgeschosses. Eine Woche später wurden Mietverträge mit dem Apotheker, einem Schneider für Weißwäsche, einem Weinhändler und einem Bäcker abgeschlossen. Zufrieden stellte sie weitere Handwerker ein, um das obere Geschoss bewohnbar, nach ihrem Geschmack, fertigstellen zu lassen. Sie bestellte verschiedene Mahagonimöbel und erwarb romantische  Gemälde von Caspar David Friedrich. Sie vollbrachte Wunder, denn den kommenden Winter verbrachten wir warm und in bester Gesellschaft, bereits in Tuckum. 

                                 ~

Am 02. Februar wurde der Julianische Kalender (von Julius Cäsar 45 Jahre vor Christus) eingeführt, was für uns eine fürchterliche Umstellung für uns  war, da eine Differenz von 13 Tagen zwischen dem Gregorianischen und dem Julianischen Kalender bestand. Es war uns allen ein Rätsel, warum dieser Kalender wieder eingeführt wurde, da dieser auch noch ungenauer war. In jedem Sonnenjahr hinkte er 11 Minuten hinterher, wobei Gregorianische Kalender (nach Papst Gregor XIII. 1582) lediglich 26 Sekunden hinterher hing. Aber davon einmal abgesehen: Der Gregorianische Kalender war erst 40 Jahre zuvor mühsam eingeführt worden und nun musste man sich wieder umgewöhnen. Nach dem königlichen schwedischen Kalender, z. B. in Estland war der 27. Juli - Julianische Zeit, der 28. Juli, bei uns nach Greg. Kalender war es der 8. Juli!                   Der, für alle bedeutsame und wichtige Johannistag wurde jetzt aufgeteilt: Der 24. Juni behielt den Charakter des fröhlichen Volksfestes und bekam den Namen Alt-Johanni, der 30. Juni war für unsere Geldgeschäfte in Mitau reserviert und hieß nun Neu-Johanni. Mitau erlebte ab jetzt einen langen Johannismarkt, auf dem die Geschäftsleute wie die Edel- und Kaufleute, Juden und Krämer ihre Geschäfte miteinander machten.

Welch ein Durcheinander

                Kapitel  5

Freude & Trauer                                                       

 

Am 25. März 1796 erblickte unsere, äußerst entzückende, Juliane Henriette auf Degahlen das Licht der Welt. Rosig und gesund, entstanden in der magischen Nacht des Johannisfestes, machte sie uns zu sehr glücklichen Eltern.  Im November begann, zu meiner großen Freude, wieder einmal Carolines Unwohlsein.                                                  

Am 17. November starb, die nicht von allen geliebte, Katharina die II. .                                                                                                                     Ihr gelang es, ihr Erbe zu festigen. Während ihrer Regierungszeit annektierte sie u. a. Litauen, die Krim, die Ukraine und Polen. Die russische Bevölkerung wuchs rasant, aber dennoch brauchte sie Menschen, die unbewohnte Bereiche Russlands erschlossen.                                                                                                                                                                                                                                         Sie nutzte die Not der deutschen Bevölkerung. Der siebenjährige Krieg war zwar seit 1763 beendet, dennoch litten sie Hunger. Tausende machten sich auf und folgten Katharina Ruf, denn sie versprach ihnen eigenes Land, Religionsfreiheit und die Befreiung vom Militärdienst.                                                                                                                                                                                                     Über 100 Kolonien wurden von den deutschen Kolonisten gegründet.                                                                                                                       Sie bekämpfte das lasterhafte Despotums des Adels, denn manche übertrieben in ihrem Verhalten und neigten zu grausamen und bösen Charakterzügen, indem sie sich für die Abschaffung der Leibeigenschaft einsetzte. Die Prügelstrafen und die elende Unterdrückung der Bauern sollten beendet werden.                                                                                                                                                Durch ihren Tod erlebte sie die Abschaffung der Leibeigenschaft 1819 nicht mehr.

Ihr Sohn Paul erklärte sich an dem Todestag seiner verhassten Mutter, zum Kaiser. Seine offizielle Krönung fand am 17. April 1797 statt. Ihm gelang es, seine Mutter noch im Tode zu strafen, indem er die politischen Gefangenen freiließ und die Pflichtarbeitszeit der Leibeigenen auf drei Tage/ Woche begrenzte. Es hatte wohl seinen Grund, dass er in der Nacht zum 24. März 1801 in seinem Zimmer brutal geschlagen und erdrosselt worden ist.       

 

Carolines Schwangerschaft verlief, wie immer, ohne Komplikationen und am 12. September 1797 war es endlich so weit: Friedrich Adolph, unser dritter Sohn, wurde geboren.

Kaiserin Sissis Gatte, der römisch-deutsche Kaiser Franz II., besiegelte  im Oktober 1797 den Frieden mit Napoleon durch den “Frieden von Campo Formino”. Großbritannien blieb als einzige Großmacht im Kriegszustand gegen Frankreich.

Am 9. November schloss der König von Preußen, Markgraf von Brandenburg und Kurfürst des Heiligen Römischen Reiches aus dem Haus Hohenzollern stammend: Friedrich Wilhelm II., im Marmorpalast in Potsdam, für immer die Augen. Er hinterließ seinem Erben,  Friedrich Wilhelm III., einen Haufen Schulden.

Friedrich Wilhelm III. war nicht wie sein Vater ein Genießer und Kunstfreund. Durch seine Bescheidenheit wurde er ein Bürgerkönig, im Grunde sogar DER Bürgerkönig, gemeinsam mit seiner Gemahlin Königin Luise an seiner Seite! Aber er war auch ein König mit einer Abneigung gegen Waffen- und Kriegsgewalt.

Im Sommer 1798 landete Napoleon Bonaparte am Nil, um aus Ägypten eine blühende Kolonie zu machen. Ludwig der XVIII., der durch Napoleon sein Zuhause verloren hatte, zog unter dem Schutz des russischen Zaren für eine Weile ins Mitauer Schloss ein.

1798 wurde die Wirksamkeit der Pockenimpfung bestätigt. 

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Am 18. November 1798 starb Friedrich Adolph im Alter von einem Jahr und zwei Monaten. Obwohl wir nun den Winter in Tuckum verbrachten, konnten wir ihn nicht retten. Es fing ohne Fieber und Husten an. Friedrich weinte jämmerlich und vermochte nur schlecht Brei und Flüssigkeit aufzunehmen. Wir waren ratlos.  Der Arzt stellte einen entzündeten Rachen, also eine harmlose, aber schmerzhafte Angina fest. Er verordnete Bibernelltropfen, Kamillentee und Kräuterdampf.                                 Es wollte aber nicht besser werden. Da der kleine Mann nicht gurgeln konnte, versuchten wir es zusätzlich mit Halswickel. Aber sein Schlund wurde immer enger und ihm fiel das Atmen immer schwerer.  Hilflos standen wir dabei und mussten zusehen, wie unser kleiner Engel qualvoll erstickte. Erst viele Jahre später bekam dieses Phänomen einen Namen: Es war die Halsbräune, die Diphtherie.

Am 15.Dezember 1798 starb meine Mutter Dorothea Emerentia von Kleist (von Manteuffel gen. Szoege) in Mitau und hinterließ einen völlig gebrochenen Mann ohne jeglichen Lebensmut. Mein Vater überlebte meine Mutter fast zwei Jahre. Am 21.Oktober 1800 folgte er ihr in allertiefster Trauer und war dankbar für die Erlösung.

 

Ich wusste nicht, wo mir der Kopf stand. Caroline hatte sich in ihrer Trauer von der Welt zurückgezogen. Nachts lief sie im Haus umher, tagsüber schlief sie nur wenig. Wenn sie schlief, dann nur um von Albträumen gequält schreiend aufzuwachen. Das Bild, ihres um Luft holen ringendes Kind, wollte sie nicht loslassen. Wie ich mich zusätzlich um Degahlen und Texten kümmern sollte, war mir ein Rätsel. Zum Glück befand sich mein Bruder gerade nicht auf Reisen und nahm mir die Gestaltung und Planung der Trauerfeier unserer Mutter ab.

Als ich am Silvesterabend 1800  dachte, Caroline und ich hatten das Schlimmste überstanden, so musste ich mich getäuscht sehen. Ich glaubte tatsächlich, nach all dem Leid,  konnte uns nun nichts mehr geschehen.                    

Vielleicht war ich sehr naiv, denn es war normal, das Kinder starben. Die Sterblichkeitsrate bei Kindern war sehr hoch, es gab keine Medikamente und zu wenig Wissen um von Bakterien und Viren auslösende Krankheiten.

1801 sollte nocheinmal das Unglück uns ereilen: Juliana Henriette starb mit fünf Jahren an Masern.  Wieder einmal wusste ich nicht, wie es weitergehen sollte. Caroline empfand ihren Tod als Gottes Strafe. Sie hatte jeden Lebenssinn verloren und war beherrscht von dem Gedanken, Buße tun zu müssen. Man traf sie nur noch kniend betend in der Kapelle an.                                                 Ich beschloss nach ein paar Wochen, dem ein Ende zu setzen. Ich wollte mit Caroline und den Kindern auf lange Zeit verreisen. Das würde sie wieder zu uns bringen, dessen war ich mir sicher. Ich ordnete meine Geschäfte und suchte einen geeigneten Ersatz für mich. Es war, wie es war, wie es immer war und immer sein wird: Das Leben ging weiter! Der liebe Gott gab mir die nötige Kraft.

 

Am 27. Januar 1802 war es so weit: Mein Bruder wurde mein Generalbevollmächtigter. Meine ökonomischen (wirtschaftlichen) Angelegenheiten auf Zerxten übernahm Herr Mannrichter ( ein eingesetzter Richter am Mahngericht für Lehnssachen ) von Albedyll aus Willkagen und der Herr Saß von Sassmacken sollte meine ökonomischen Angelegenheiten für Degahlen übernehmen.               

Meine Rechnung war aufgegangen: Sobald ich Caroline von den Reiseplänen in Kenntnis gesetzt hatte, kam nach und nach wieder Leben in Caroline. Zwei Wochen später begriff sie, dass noch einiges erledigt werden musste und ihre Vorfreude auf die bevorstehende Reise gewann Oberhand.                                                                                                                                                                                     Gemeinsam beschlossen wir  mit vier eigenen Kutschen und jeweils vier Pferden zu reisen. Wenn es regnete und nur wenn die Chausseen schwer befahrbar wurden, spannten wir sechs Pferde vor. Wechselpferde führten wir natürlich mit. In zahlreichen Gasthöfen oder Herbergen waren ausreichende Stallungen vorhanden, wo die Pferde bestens versorgt wurden.                                           Aber wir kamen nur langsam voran. 58 Werst Strecken  (ca. 60 km) waren die reinsten Torturen, für die Pferde und für uns. Am Tag fuhren wir also nur höchstens 20 Werst. Obwohl wir gut gefederte Karossen unser Eigen nennen konnten, wurden wir auf den harten Sitzen so fürchterlich durchgeschüttelt, dass wir mit den Köpfen anschlugen und uns der Allerwerteste sehr schmerzte. Aber in unserem Leiden waren wir unter uns, denn dank unserer gut gestellten Lage, mussten wir nicht mit der Postkutsche reisen und unsere Intimität mit fremden Menschen teilen.

Bis wir in Italien ankamen, sollte also noch eine Zeit vergehen. Die Eisenbahn gab es leider noch nicht. Erst 1835 wurde die erste Strecke Nürnberg-Fürth eröffnet.                                                                                                                                                                                                   Aber es gab breite Feldwege und selten Chausseen, die nach bestem Können mit Kies oder Steinen verdichtet worden waren.  Auf diesen Wegen gab es eine Spur für Reisegespanne, für Wanderer und Fußgänger, für Reiter und für Brennholztransporte. Da die Routen sehr lukrativ für diebisches Gesindel und gefährliche Räuberbanden waren, gab es die Möglichkeit ein Geleit zu zahlen. Heute würde man Schutzgeld dazusagen. Brachte man das erforderliche Geld auf, reiste man, von Landes- oder Stadtgrenze zur nächsten Landes- oder Stadtgrenze, im sicheren Geleit.

Die Chausseen entstanden erst nach und nach. Sie waren gepflastert. Zum Schutz gegen Wind, Wetter und Sonne wurden entlang der Trassen Bäume gepflanzt. Ab ca. 1788 begann man sie zu bauen: Die preußische Chaussee verlief von Magdeburg nach Leipzig, die Berliner Strecke endete in Potsdam. Von 1827 bis 1830 wurde die Allee über den Sankt Gotthard gebaut.(PT Magazin Reisen zu Goethes Zeiten)

 

In Frankfurt holte ich hohe Summen an Gold- und Silbermünzen aus den Verstecken der Kutschen und zahlte diese, endlich froh diese Last los zu sein, beim Bankhaus Bethmann ein.  Diese würde das Geld nach Venedig transferieren, wo ich dann die Münzen abheben würde. Bis dahin hatte ich noch gewisse Beträge an Edelmetallwährungen in den Kutschen und Koffern versteckt, die wir noch dringend brauchen würden, da wir uns im Zeitalter der Kleinstaaterei befanden. Jede Einreise in das jeweilige neue Währungsgebiet erforderte das entsprechende Zahlungsmittel. Ständig gerieten wir an Zollschranken. Überall wurde die Brückenmaut, das Vorspanngeld, die Straßenmaut und Torgeldforderungen fällig. Natürlich brauchten wir auch jedes Mal die Erlaubnis, einzureisen. Unsere Pässe enthielten zwar die Berechtigung, sich in bestimmten größeren Städten aufhalten zu dürfen, aber dennoch mussten wir an allen Grenzen einen triftigen Reisegrund angeben. Mein Diener half immer wieder mit ein paar Münzen, die ich ihm gab, erfolgreich nach. An ausländischen Grenzübertritten mussten wir zu unseren Auslandspässen, zusätzlich noch Visa kaufen.  Es wurde eine sehr kostspielige Angelegenheit.                                                                                                                                                             

Schließlich kamen wir bei unserem ersten Urlaubsziel an: Der Gardasee schillerte in den herrlichsten Farben. Die Landschaft und die Dörfer waren einzigartig schön. Nach einer Woche ging es weiter, der Sonne nach, in die Toskana. Zypressen und Weinberge begleiteten unseren Weg nach Pisa. In Rom bestaunten wir den Trevi Brunnen, das Kolosseum und das Pantheon. Manchmal war es so heiß in unserer Kutsche, dass wir überlegten, uns auszuziehen, was wir aber schicklichkeitshalber sein ließen. Dann kamen wir in Neapel an. Zwei Jahre waren bereits vergangen. Das neapolitanische Leben war herrlich frisch pulsierend. Die Mandolinenmusik und der italienische Gesang faszinierten uns. Carolines Albträume und Kummer waren verschwunden. Der traurige Schatten, der auf uns alle gelastet hatte, war fort. Wir hatten im Grand Hotel für vier Wochen eine Zimmerflucht angemietet, sodass Caroline jeden Wunsch von den Augen abgelesen wurde. Aber auch die Kinder, unsere Bediensteten und ich genossen die Bequemlichkeiten abseits der holprigen Kutsche. 

Von Santa Lucia schifften wir nach Capri hinüber. Graugrüne Olivenbäume, unzählige Apfelbäume und Pinienbäume erblickten wir zu unserer Freude. Aber so schön und eindrucksvoll alles war, wir waren jetzt fast eineinhalb Jahre von zu Hause fort, begann ich sehnsuchtsvoll an unsere Kiefern- und Eichenwälder zu denken. Das raue Klima und unsere frische Luft fehlten mir. Aber ein Blick auf Caroline und die Kinder ließen meine Gedankengänge verstummen. Mir wurde klar, dass ich meiner Familie eine vorgezogene Abreise nicht zumuten konnte.

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1804 beschlossen wir, endlich die Heimreise anzutreten. Ich wurde 40 Jahre alt, Caroline 35, Wilhelm war bereits 11 Jahre, Carl Ludwig feierte seinen 10. Geburtstag und Johanna ihren 16. Geburtstag.                                                                                                                         Im Frühjahr, als der Frühling hereinbrach und es für längere Zeit trocken war, brachen wir ohne Umwege auf.                                                 Unsere Familien und Freunde freuten sich sehr, uns wieder in die Arme schließen zu können. Es gab viel zu erzählen, weit über 6000 km hatten wir hinter uns gelassen.

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Am 12. Februar verstarb der deutsche Philosoph und Professor der Logik und Metaphysik Immanuel Kant mit 80 Jahren.               Nach gewonnenen Kriegen ließ Napoleon sich zum Kaiser krönen. Bereits im Frühjahr, hatte der Senat einer neuen Verfassung zugestimmt, der es Napoleon möglich machte, sich krönen zu lassen und die Kaiserwürde erblich zu machen.

In der Vereinigten Staaten wurde der dritte Präsident Thomas Jefferson erneut gewählt und die erste Schienendampflokomotive bestand ihre Testfahrt. 

Friedrich Schillers „Wilhelm Tell“ wurde am Weimarer Hoftheater von Wolfgang Goethe uraufgeführt und der österreichische Kaiser Franz II. führte ein Erbkaisertum ein und wurde Franz I.

In einem Duell verwundet US-Vizepräsident Aaron Burr seinen politischen Rivalen, den früheren Finanzminister und US-Gründervater Alexander Hamilton, so schwer, dass er tags darauf stirbt und am  1. September entdeckt der deutsche Astronom K. L. Hardingt den Asteroiden Juno. (Was-war- wann)

Im Dezember erreichte die Weltbevölkerung eine Milliarde Menschen. Spanien erklärte Großbritannien unter König George III., Kurprinz von Braunschweig-Lüneburg, den Krieg.

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Ich übernahm wieder meine Pflichten und Geschäfte und musste, als Ergebnis meiner langen Abwesenheit, sehr Unangenehmes über mich ergehen lassen.                                                                                                                                                                                                                         Auf dem Gut Degahlen fanden sich nach Überprüfungen der Bücher Unstimmigkeiten, sodass eine offizielle Untersuchung angeordnet wurde und ich als Verwalter 1805 abgelöst wurde. Mit stolz erhobenen Kopf, versuchte ich diesen Schlag zu verkraften. Hoffnung, das irgendwann Gras darüber wachsen würde, brauchte ich mir nicht zu machen. So was vergaß man in meiner Welt niemals.

Zuvor sorgte Napoleon allerdings noch dafür, dass das heilige römische Reich, das von 962 bis 1806 währte und dessen  römisch-deutscher Kaiser Kaiser Franz II aus Österreich war, sich auflöste und von dem Rheinbund ersetzt wurde. Bayern und Württemberg wurden Königreiche und Baden ein Großherzogtum. Aber auch dieses hielt nicht lange an. 1813 verlor Napoleon in der Völkerschlacht bei Leipzig und damit auch seine Herrschaft in Europa und Deutschland.

1796 wurde Napoleon in der Mitauischen, politischen Zeitung als klein, blass und mager beschrieben. In den größten Gefahren war er allerdings  kaltblütig und so schwierig die Lage auch war - er verzweifelte nie. In freundschaftlichen Zusammenkünften sprach er viel, drückte sich deutlich und bestimmt aus Philosophische und politische Gespräche übten einen großen Reiz für ihn aus. In dem kleinen Körper herrschte eine große, unerschrockene Seele und einen sehr gebildeten Verstand.

Im Oktober 1812 wurde der Kleine noch kleiner und sein einst gebildeter Verstand, der ihn wohl verlassen hatte, als er beschloss, Russland anzugreifen, bekam einen gewaltigen Knick. Er stützte unser Gottesländchen Kurland in den Abgrund. Jedes zehnte Gut war völlig verarmt, der Handel kam über Jahre zum Erliegen. Ländereien wurde konfisziert. Es wurde aufgerissen, Gräben geschaufelt, Schutzwälle wurden aufgeschichtet. Äcker wurden auf Jahre unbrauchbar gemacht. Manche Güter wurden vom Feind abgebrannt, Kurländische Bauern wurden zur Zwangsarbeit, bis zu ihrem Tode, beschlagnahmt. Es gab nichts zu essen, die Not war groß. Der Winter war so hart, dass die Düna zugefroren war. Viele Menschen erfroren auf offener Straße.                                                                                                                                                                           Kurland befand sich im Konkurs und es gab kein Realkreditsystem, welches Geld verlieh.                                                                                                           Die rigaische Vorstadt wurde aufgrund einer taktischen Fehlentscheidung aus unserer Hand, umsonst in Brand gesteckt. Die Preußen, die nicht freiwillig Napoleon unterstützen, flüchteten gemeinsam mit den Franzosen, ohne unser Land auszuplündern.

Vorher aber heiratete unsere Tochter 1809 Peter von Rönne. Es wurde eine überaus glückliche Ehe und sie bekamen fünf gesunde Kinder, wovon nur eines 1815 verstarb. Der zarte Peter Woldmar wurde mit seinen zwei Lebensjahren auf Zerxten bestattet, was nicht spurlos an Caroline vorbeiging. Alte Wunden taten sich wieder auf.

Aber sie wurde abgelenkt.                                                                                                                                                                                                                                             Die Kaiserin Elisabeth Alexejewna, geborene Luise Marie Auguste Prinzessin von Baden, geboren 1779 und gestorben 1826, die Gattin des Kaisers Alexander I., reiste nach im Juli 1810 nach Plönen auf ein Privatgut, um einen Seebadeurlaub zu genießen.                                                         Plönen lag nur unweit - vielleicht eine Viertelstunde mit dem Pferd - von Zerxten entfernt und genau so, wie Zerxten, lag es recht nah an der Ostsee. Da die Reiseroute der Kaiserin über Tuckum und Rauden und somit sehr knapp an Zerxten  vorbei verlief, wurde alles auf Vordermann gebracht. Die Scheunen, Kleeten und Gesindehäuser wurden geputzt und gestrichen. Girlanden und Wimpelfahnen wurden zur Begrüßung aufgehängt. Alle Hofes- und Dorfesleute sollten zusammenkommen und in ihrem besten Staat winkend an der Strasse stehen, wenn der Hofstaat der Kaiserin an Zerxten vorbeifuhr - zusammen mit uns und unseren Putz in der wartenden Kutsche.

                                                                                                                                                                                                                                       

Während schlaue Köpfe sich mit der Bauernbefreiung auseinandersetzten, erließen wir 1811 die ersten Freibriefe für unseren Koch Fritz, genannt Seeberg, dessen Weib Dahrte und seinen Söhnen Carl und Ernst und seiner Tochter Lawiese. In leisen Schritten wollten wir unbedingt die Leibeigenschaft auflösen.                                                          

 

Fortsetzung folgt  

 

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